„Vergesst die Gastfreundschaft nicht;
denn durch sie haben einige,
ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“

                                                                   Hebr. 13, 2 (EU)

Manchmal lohnt es sich, einen Satz von hinten zu lesen. Fangen wir also bei den Engeln an. Was haben Engel mit der Gastfreundschaft zu tun? Ich behaupte: Eine Menge. Zunächst einmal sind sie ein wichtiger Hinweis. Denn die Engel, die man da ahnungslos im Haus hat, lassen erkennen, dass es bei der Gastfreundschaft nicht einfach um ein Tauschgeschäft geht. Also um einen Handel nach dem Motto: Wenn ich diese oder jene Person bei mir aufnehme, kann ich auf eine entsprechende Gegenleistung rechnen.

Nein, „ohne es zu ahnen“ waren die Engel da. Sie sind nicht Objekt der Berechnung. Sie sind auch nicht die Vertreter meines Bekannten- oder Gesinnungskreises. Dann wären sie ja auf den ersten oder zumindest auf den zweiten Blick klar zu identifizieren gewesen: Ah, mein Nachbar von gegenüber, meine liebe Schwester aus der Gemeinde, mein Kollege aus der Sportgruppe! Gastfreundschaft erstreckt sich niemals nur auf diejenigen, die man bereits kennt und bei denen man damit rechnen kann, dass sie sich irgendwann erkenntlich zeigen. Es war daher in der Antike ein schöner Brauch, dass man den Fremden am Tisch erst im Anschluss an das Gastmahl nach seinem Namen und nach seiner Herkunft fragte. Der Hinweis auf die ahnungslos beherbergten Engel steht also dafür, dass Gastfreundschaft kein berechnender Vorgang ist. Das aber ist keineswegs alles. Denn Engel sind ja nach biblischem Verständnis Wesen, die neue Möglichkeiten eröffnen. Sie bereichern unsere vorfindliche Wirklichkeit. „Engel sind Einweisungen in das Mögliche“, hat ein kluger Theologe darum formuliert. Bibelkundigen werden dabei viele Beispiele vor Augen stehen, besonders vermutlich die Geschichte von der Aufnahme der Boten Gottes durch Abraham, Sara und Lot vor dem drohenden Untergang von Sodom und Gommora. Wenn wir andere Menschen, wenn wir Fremde in unsere Häuser und an unsere Tische einladen, dann erweitert sich oft genug unser begrenzter Horizont. Wir erfahren etwas über das Leben der anderen und dabei nicht selten auch über uns selbst. Und manchmal, ja manchmal ist sogar die „engelhafte“ Erkenntnis dabei: Ganz anders könnte man leben. Darum: Vergesst die Gastfreundschaft nicht!

 

06 MA062018 Gastfreundschaft SH

Prof. Dr. Volker Spangenberg / Theologische Hochschule Elstal

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